Refugees Welcome! Ein Rückblick auf die Aktion #Türauf am Weltflüchtingstag

Am Weltflüchtlingstag, dem 20. Juni, lud die Initiative #Türauf Kölner BürgerInnen ein, ihre Türe zu öffnen, und in Eigenregie – für und mit Geflüchteten – Veranstaltungen zu organisieren. Seit Monaten beteiligte sich DOMiD als Mitinitiator in Person von Robert an der Koordination der Initiative und auch ich verfolgte das Projekt mit großem Interesse. Es war eine gute Gelegenheit, ein Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Hetze zu setzen und sich für Akzeptanz stark zu machen. Daher wollte ich auch mitmachen und organisierte eine Führung zur „Migrationsgeschichte“ in unseren Räumlichkeiten.

#Türauf – für alle!

    Die erste #Türauf-Aktion fand am Weltflüchtlingstag statt.

Die erste #Türauf-Aktion fand am Weltflüchtlingstag statt.

Die Führung ist offen für alle (ob Geflüchtete oder nicht!) und wird in drei Sprachen angeboten – Französisch, Deutsch und Englisch. Ziel der Veranstaltung: Menschen zusammenbringen, damit sie sich austauschen.

Am 20. Juni sind wir am Start: Im Vorfeld merke ich, wie kompliziert es ist, sich mit den Flüchtlingsheimen in Kontakt zu setzen. Aber die vielen Tweets zur Veranstaltung lohnen sich: ein Follower aus Bonn informiert einen seiner Kontakte, der uns schließlich mit drei Geflüchteten besucht. Andere Anmeldungen folgen und es wird eine kleine, aber sehr feine Runde.

Geschichte(n) erzählen…

Um 11 fängt die Führung an – auf Englisch, denn das verstehen alle. Beim Erzählen wird mir noch einmal deutlich, dass sich die Geschichte der 1990er Jahre zu wiederholen droht. Die brennenden Heime, die unheimliche Atmosphäre. Aber etwas ist doch neu: die Idee der Willkommenskultur. Ob das reicht?

Alle zeigen sich interessiert, viele Fragen werden gestellt und unsere BesucherInnen teilen ihre Erinnerungen mit uns. Einer der Geflüchteten ist amüsiert, dass man anhand von Alltagsobjekten Geschichte erzählen kann und witzelt: „habt ihr das in meiner Wohnung gefunden?“

und Lebensgeschichte(n) hören

Nach dem Rundgang kommen wir ins Gespräch – die drei Geflüchteten sprechen zwar schon gut Deutsch, aber wir unterhalten uns weiter auf Englisch. Das fällt ihnen leichter. So erfahren wir von drei sehr unterschiedlichen Lebenswegen.

A. war in der iranischen Kanu-Nationalmannschaft – wir sind alle sehr beeindruckt! Er kam zum trainieren nach Deutschland und konnte nicht mehr zurück – aus politischen Gründen. „Noch nicht“ sagt er. Von Beruf ist er Auto-Mechaniker, und er würde gerne weiter arbeiten. Das geht leider nicht, solange sein Verfahren läuft.

Bei DOMiD gilt: Refugees Welcome!

Bei DOMiD gilt: Refugees Welcome!

R. ist aus Eritrea geflohen – wo er als Lehrer gearbeitet hat. In seinem Herkunftsland war er nicht mehr sicher, weil das politische Regime ihn und viele andere bedrohte. Wohin? Das wusste er anfangs nicht: Hauptsache schnell weg. Er geht über den Sudan, durch die Sahara, bis er die Küste Libyens erreicht und Afrika hinter sich lässt. Dann steigt er mit anderen in ein Boot, und überquert das Mittelmeer. Die Fahrt dauert tagelang, bis sie völlig erschöpft und dehydriert Salerno erreichen. Hier erfährt er von anderen Geflüchteten, dass das Leben in Italien schwer sei und muss sich schnell entscheiden. R. beschließt, in der Hoffnung auf bessere Lebensmöglichkeiten, nach Deutschland zu fahren. Er zieht durch italienische Städte, erreicht die Grenze Frankreichs, überquert diese – „das war nicht einfach“. Eigentlich können Geflüchtete das Land nicht legal verlassen: Das erste EU-Land, in dem sie ankommen, ist theoretisch für ihr Asylverfahren zuständig. Nizza, weiter nach Norden. Schließlich kommt er in Deutschland an. Hier lebt und wartet er jetzt in NRW auf den Ausgang seines Asylverfahrens.

S. kommt aus Bangladesch. „Niemand kennt unsere Situation dort – das ist eine Demokratie, aber die Presse darf ihre Arbeit nicht wirklich machen. Wann habt ihr von der BBC etwas über mein Land erfahren?“. Wir schweigen. „Genau.“ Er sah dort für sich keine berufliche Perspektive, keine Zukunft, keine Freiheit. „Ich hatte keine andere Wahl“. Auch er musste einen langen Weg gehen – denn geflogen ist er nicht. Er zog übers Land – Bangladesch, Indien, Pakistan, die Türkei, Bulgarien, Serbien… zu viele Stationen, um sie alle zu erwähnen. Jetzt ist er hier und wartet auf die Rückmeldung des Amtes, ob er bleiben darf. Planen kann er gerade nicht.

Was sie wollen? Arbeiten, studieren, ein normales Leben leben. „Wo?“ frage ich. „Hier, warum nicht. Es gefällt mir gut dort.“ antwortet S. Vielleicht kehren sie irgendwann zurück, vielleicht nicht. Eine Sache ist aber sicher: Alles, was den meisten von uns eine Selbstverständlichkeit erscheint (eine Arbeit, ein Studium, heiraten, sich frei bewegen…), ist für sie ausgeschlossen oder nur sehr schwer zugänglich.

Über das Hashtag hinaus

Kein Mensch ist illegal (Bild: Cherubino/Wikimedia)

Kein Mensch ist illegal (Bild: Cherubino/Wikimedia)

Der Aktionstag von #Türauf ist auch dafür gedacht, sich mit der Realität in Deutschland und an den Grenzen Europas zu konfrontieren. Und diese Realität heißt, dass jeden Tag im Mittelmeer Menschen umkommen. Die europäische Politik schaut größtenteils weg, übernimmt ihre Verantwortung nicht und unternimmt nichts dagegen. Realität heißt auch, dass viele Geflüchtete hier in Deutschland ohne Sicherheit und ohne Perspektive leben und warten.

Aber das Interesse innerhalb der deutschen Gesellschaft für diese Problematik wächst. Das zeigen die vielen BürgerInnen-Initiativen, die im ganzen Land entstehen, aber auch – meiner Meinung nach – beeindruckende künstlerische Aktionen, wie „Die Toten kommen“ vom Zentrum für Politische Schönheit.

#Türauf ist kein leeres Wort – es geht darum, Hürden abzubauen, und den Weg zu einem gleichberechtigten Leben für Geflüchtete zu eröffnen. Es ist unsere menschliche Verpflichtung.

 

Die Namen der Geflüchteten und ihr gegenwärtiger Aufenthaltort wurden geändert.

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