Viel geredet, wenig gesagt? Der Monsterbegriff „Integration“

Einer der zentralen Begriffe, wenn es um Migration geht, ist „Integration“. Auch im Virtuellen Migrationsmuseum setzen wir uns mit diesem Konzept auseinander. Was andere und wir darunter verstehen, erfahrt ihr hier:

Was genau bedeutet „Integration“? Das beste Beispiel dafür, wie schwierig es ist, eine Definition zu finden liefert der Nationale Integrationsplan.[1] Er gibt keine klare Definition, sondern nur den Hinweis darauf, dass kein Konsens in dieser Frage herrscht.

Der Begriff „Integration“ enthält die Idee, dass es eine homogene „deutsche“ Identität, und/oder eine Kultur, eine klar definierte Einheit gibt. Wer dieser Überzeugung folgt, versteht Deutschland als eine Gesamtheit, die man betreten darf. In diese sollen sich also Ausländer und Menschen mit „Migrationshintergrund“ integrieren, das heißt, ihr anpassen.

Eine problematische Vorstellung: „Wir und Die“

Vier Damen in Köln Neumarkt, ca. 1983. (Alfred Koch, Köln/DOMiD-Archiv)

Nebeneinander – Miteinander? Vier Damen in Köln Neumarkt, ca. 1983. (Alfred Koch, Köln/DOMiD-Archiv)

Diese Vorstellung ist aus zwei Gründen problematisch. Zum ersten sollte davon ausgegangen werden, dass es sich um einen wechselseitigen Prozess handelt. Menschen, die in eine Gesellschaft kommen, passen sich dieser an und gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft. Es wird also nicht eine Person in einer großen Gruppe integriert, sondern sowohl Menschen mit als auch ohne Migrationshintergrund erbringen eine „Anpassungsleistung“. Diese Sichtweise bleibt trotzdem problematisch, weil sie weiterhin ein „Wir“ und ein „Die“ konstruiert. Diese Dichotomie ist künstlich – wer definiert wer „Die“ sind und wer zum „Wir“ gehört? Letztlich ist die Gesellschaft dynamisch und nicht in zwei Blöcken beschreibbar.

Integration und das Phänomen „Migrationshintergrund“

Ein zentraler Punkt, der das dahinter liegende Problem verdeutlicht, ist dabei das Wort oder besser das Phänomen „Migrationshintergrund“. Dieses ist oft im Zusammenhang mit „Integration“ zu finden, auch im Nationalen Integrationsplan. Laut der gängigen Definition, können beispielsweise Jugendliche mit Migrationshintergrund Ausländer oder Deutsche sein, ob in Deutschland oder woanders geboren.[2]

Wenn man dieser Definition folgt, stellt sich eine Frage: warum (und wohin) sollten Kinder integriert werden, die in Deutschland geboren und groß geworden sind? Warum gehen Behörde und Ämter davon aus, dass sie Integrationsbedarf haben?

Wer sagt, dass Kinder mit Migrationshintergrund „integriert“ werden müssen (ob hier geboren oder nicht), beschreibt sie letztlich als Außenseiter. Diese Sichtweise ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, wie Lale Akgün es treffend formuliert:[3]

„Wer […] den ethnischen Hintergrund zum Dreh- und Angelpunkt eines Individuums erklärt, darf sich nicht weiter wundern, wenn junge Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, sich als stolze Türken, Polen oder Italiener bezeichnen (und auch so fühlen) und Deutschland ihnen nicht zur Heimat wird.“

Ein alternativer Begriff

Kampagne für das Wahlrecht für Ausländische Mitbürger, 1979 (Kemal Kurt / DOMiD-Archiv, Köln)

Kampagne für das Wahlrecht für Ausländische Mitbürger, 1979 (Kemal Kurt / DOMiD-Archiv, Köln)

Die Betonung des Migrationshintergrundes und des angeblich damit einhergehenden Integrationsbedürfnisses ist kontraproduktiv. Unabhängig von Herkunft, Gender, sexueller Orientierung und Bildungsstand sollte jede/r Teil der Gesellschaft sein, und diese auch mitgestalten können.

Der Integrationsbegriff sollte deshalb durch den Begriff der „Teilhabe“ ersetzt werden. In ihm verschwinden die Widersprüchlichkeiten, die mit „Integration“ assoziiert werden: die Passivität, wenn man „Dank des Staates“ integriert wird, genauso wie die Pflicht, wenn der Staat (oder die Gesellschaft) „Integration“ fordert.

Damit sind wir von unserem Verständnis ganz nah bei Frau Aydan Özoğuz (SPD), Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration. Sie antwortete in einem Interview im Juli 2014[4] die Frage: „Finden Sie den Begriff „Integration“ noch zeitgemäß und den gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechend?“ wie folgt:

Meine Erfahrung ist, dass jeder irgendwie etwas anderes unter dem Begriff „Integration“ versteht. Die einen verstehen darunter Anpassung, die anderen, dass sich unterschiedliche Gruppen um ein besseres Zusammenleben bemühen. Ich finde, die Leute sollten sagen, was sie meinen, anstatt sich hinter einzelnen Begriffen zu verstecken. Für mich geht es hier um eine umfassende Teilhabe an unserer Gesellschaft. Teilhabe für jede und jeden. Bei der es überhaupt keine Rolle spielt, woher man selbst, seine Eltern oder Großeltern einmal gekommen sind. Wo es egal ist, ob ich Schmidt oder Özoğuz heiße, helle oder dunkle Haut habe oder sonst wie verschieden bin.

Genau dies ist ein Leitmotiv des virtuellen Migrationsmuseums: Wir gehen von einem Gesellschaftsentwurf auf, in der alle eine Stimme haben, partizipieren – und gleich behandelt werden.

 

 

[1] Nationaler Integrationsplan, BAMF, p-196, zuletzt abgerufen am 15.10.2014 http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Archiv16/Artikel/2007/07/Anlage/2007-07-12-nationaler-integrationsplan.pdf;jsessionid=5F825CDFB268BEDA89526C65FEA38C92.s4t1?__blob=publicationFile&v=3

[2] Die offizielle Definition lautet: „Menschen mit Migrationshintergrund sind alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil„. Siehe: http://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv2=1364186&lv3=3198544

[3] Akgün Lale, „Eine Türkin ist eine Türkin ist eine Türkin“, in „Geschichten aus Deutschland. Biografische Betrachtungen aus der Migrationsgesellschaft“, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, 2014, S.28

[4] Interview von Fatma Rebeggiani mit Frau Özoğuz (17 Juni 2014): „Zweifellos ein Einwanderungsland“: http://www.migration-info.de/artikel/2014-07-17/interview-zweifellos-einwanderungsland zuletzt aufgerufen am 15.10.2014

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