Heute im Fokus: Arbeitsmigration

Als Armando Rodrigues de Sá am 10. September 1964 ­– vor genau 50 Jahren – den Bahnhof in Köln-Deutz betritt, steht er im Blitzlichtgewitter. Er ist „der“ millionste „Gastarbeiter“ und bekommt als Geschenk ein Mokick überreicht. Ein Bild, das seinen Weg in die deutschen Geschichtsbücher findet. Armando gibt damit einer ganzen Ära – der Zeit der sogenannten „Gastarbeit“ – ein Gesicht.

Armando Rodrigues de Sá, Foto: Helmut Koch, © Alfred Koch (DOMiD-Archiv)

Armando Rodrigues de Sá, Foto: Helmut Koch, © Alfred Koch (DOMiD-Archiv). Mit einem Klick zur Biographie.

Die „Gastarbeit“ ist eine Form der Arbeitsmigration, über die es aus diesem aktuellen Anlass heute im Blog geht. Der Begriff „Arbeitsmigration“ bezeichnet nach der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) „die Aus- und Einwanderung von Menschen, um in einem anderen als ihrem Herkunftsland eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen“. Die Suche nach Arbeit oder die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation bildet eines der Hauptmotive bei der Entscheidung die eigene Heimat oder den aktuellen Lebensmittelpunkt zu verlassen. Das gilt für die Geschichte, wie für die Gegenwart – auch für Deutschland. So wanderten Zwischen 1830 und 1920 über 6 Millionen Menschen aus Deutschland aus. Die allermeisten waren mit ihrer ökonomischen Situation unzufrieden und gingen in die USA. Sie versprachen sich von der Auswanderung die Chance auf bessere wirtschaftliche Bedingungen. Als die deutsche Industrie ab 1880 zunehmend mehr Arbeitskräfte brauchte, kamen ausländische Arbeiter_innen um diesen Bedarf zu decken.

Arbeitskräftemangel nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Westdeutschland wiederum bald ein Arbeitskräftemangel. Die Regierung schloss deshalb zahlreiche Anwerbeabkommen mit ausländischen Staaten: 1955 mit Italien, dann Spanien (1960), Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Für Deutschland ergaben sich aus diesen Abkommen zahlreiche Vorteile: Durch das Rotationssystem kamen junge, motivierte, und vor allem gesunde Menschen, die die anstrengenden Arbeiten übernahmen und wenig kosteten, da sie nicht vom Sozialleistungen profitierten. Als sich die wirtschaftliche Lage eintrübte, nutzte die Regierung die sogenannten Ölkrise 1973 und stoppte die Anwerbung. Sie hoffte, dass möglichst viele in Deutschland lebenden ausländischen Arbeiter_innen in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Doch viele blieben und holten ihre Familien nach.

Freizügigkeit, Kampf um Köpfe und Brain Drain

Seit 1968 gilt für EU-Bürger_innen die uneingeschränkte Freiheit, in einem anderen EU-Staat unter gleichen Bedingungen wie einheimische Arbeitnehmer_innen zu arbeiten. Für Menschen, die nicht aus EU-Staaten kommen, gilt dies nicht. Dabei wird es mit der 2012 eingeführten „Blue-Card“ und einem Visum zur Arbeitsplatzsuche hochqualifizierten Arbeitnehmer_innen (Ärzt_innen, Ingenieur_innen) aus diesen Ländern relativ leicht gemacht, in Deutschland eine Arbeitserlaubnis und relativ zügig damit verbunden einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erhalten. Auch ausgebildete Fachkräfte in Mangelberufen erhalten rasch eine Arbeitserlaubnis und einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Bei diesen Gruppen stellt sich für die Herkunftsländer das Problem, dass Hochqualifizierte und gut Ausgebildete dem Arbeitsmarkt in ihrem Herkunftsland, das im Regelfall die Ausbildung bezahlt, fehlen. Dieses Phänomen wird als „Brain Drain“ bezeichnet und in öffentlichen Debatten weitestgehend ignoriert, wenn es um die Einwanderung nach Deutschland geht.

Geringqualifizierte Menschen aus Nicht-EU-Staaten (wie zum Beispiel Arbeiter_innen in der Landwirtschaft oder Gastronomie, Au Pairs, Haushalthilfen…) haben praktisch keine Chance einen dauerhaften Aufenthaltsstatus über die Aufnahme einer regulären Arbeit zu bekommen. Ihre Arbeitserlaubnis wird nur befristet zugelassen

Historische Tiefenschärfe

Formen der Arbeitsmigration stehen häufig im Zentrum aktueller Debatten – wie Diskussionen um Einwanderer aus Ost- und Südosteuropa zeigen. Das Virtuelle Migrationsmuseum möchte diese Debatten aufgreifen und ihnen historische Tiefenschärfe verleihen. Es ist jedenfalls nicht damit getan in Schulbüchern das Bild des millionsten „Gastarbeiters“ zu zeigen, denn dies wird der Komplexität und Bedeutung des Themas Arbeitsmigration nicht gerecht.

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