Woher kommst du? Rassismus hat viele Gesichter

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Heute geht es weiter mit unserer Reihe über Begriffe und Prozesse mit denen wir uns im Virtuellen Migrationsmuseum beschäftigen. Ein Thema, das in unserem Alltag immer präsent ist, ohne dass wir es immer merken ist Rassismus.

Rassismus muss nicht mit gewalttätigen Ausbrüchen wie in Hoyerswerda, Rostock, Mölln oder Solingen in den 1990ern sowie in jüngster Zeit den Morden des NSU zu tun haben. Auch im Alltag ist rassistische Diskriminierung verbreitet. Er kann schon mit einer einfachen Frage beginnen.

Woher kommst du?

Für viele, eine harmlose Frage, die allerdings bestimmten Menschen besonders häufig gestellt wird. Wenn man beispielsweise einen „nicht-deutschen“ Namen hat oder schwarz[1] ist, wird oft angenommen, man sei nicht aus Deutschland. Die vermeintlich unverfängliche Frage nach ihrer „eigentlichen“ Herkunft transportiert für die Betroffenen die unterschwellige Botschaft: „du gehörst nicht hierher!“ Die Tatsache, dass bestimmte Menschen durch die Frage nach ihrer Herkunft semantisch des Landes verwiesen werden, zeigt, wie tief die Idee einer bestimmten Form der deutschen Identität verankert ist.

Dieses amerikanische Video macht auf das Thema mit Humor aufmerksam:

Soziale Konstruktionen

Die Idee einer deutschen Identität, die allen Deutschen eine gemeinsame Mentalität zuweist, steht in enger Beziehung zu rassistischen Ideologien. Dabei wird übersehen, dass nationale Identitäten und auch „Rassen“ soziale Konstruktionen sind. Nationen, Gruppen oder Menschen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, wie Hautfarbe, Kultur oder Sprache. Sie werden benutzt, um zwischen einem „Wir“ und einem „Sie“ zu unterscheiden.

Der Rassismus hat viele Gesichter

P1030208Eine Form des Alltagsrassismus findet sich in unserem Sprachgebrauch. In der Werbung oder in Produktbezeichnungen sind Reste rassistischer und kolonialer Ideologien spürbar. Häuser werden im „Kolonialstil“ eingerichtet, oder Speisen wie „Schnitzel Zigeuner Art“ oder „Negerküsse“ gegessen. Da diese Worte in der Alltagssprache verankert sind, weigern sich viele, sie abzulehnen oder empfinden sie als harmlos. Allerdings kann nur der Verzicht auf solche Begriffe den Weg zu einer Rassismus-freien Gesellschaft bereiten. Wenn man nur dies ändern würde, hätte man schon einiges erreicht.

Wie viele Menschen neben alltäglichem von gewalttätigem Rassismus betroffen sind, ist schwer messbar. Zu einem werden die rassistisch-motivierten gewalttätigen Angriffe bei der Polizei nicht immer gemeldet, oder die Behörden erkennen sie nicht als solche. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) signalisierte 2014, dass die deutschen Behörden zu schnell „Rassismus“ als Grund für Angriffe ausschließen. Sie forderte deswegen eine Reform des deutschen Behördensystems zur Erhebung rassistisch motivierter Kriminalität. Ein besonderes Problem stellt das sogenannte „Racial Profiling“ dar. Es beschreibt die behördliche Diskriminierung nach Hautfarbe und Aussehen.

 Ein täglicher Kampf gegen Rassismus

In dem wir Rassismus thematisieren und gleichzeitig zeigen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist, hoffen wir Vorurteile abzubauen und Rassismus zu bekämpfen. Von der Migrationsgeschichte kann man vieles lernen. Deshalb verstehen wir unsere Arbeit als einen Beitrag neben anderen zur Beendigung des alltäglichen Rassismus in Deutschland.

 

 

[1] In der Critical Whiteness Theorie bezeichnet der Begriff schwarz keine Farbe, sondern eine gesellschaftliche Markierung von Andersheit. Alle nicht-Weißen sind daher schwarz (unabhängig von der Pigmentierung ihrer Haut).

 

4 comments on “Woher kommst du? Rassismus hat viele Gesichter

  1. Martin sagt:

    Also ich halte dies für eine ganz normale Frage, die ich jedem Stelle egal welcher Hautfarbe oder Nationalität(die kann ich vorher ja gar nicht kennen), daraus Rassismus abzuleiten ist in meinen Augen absoluter Schwachsinn.Das ist lediglich eine mögliche Einleitung zu einem Gespräch, und nicht abwertend gegenüber der anderen Person gemeint. Ich finde diese Sprachdiktatur die Ihr politisch korrekten durchsetzen wollt nicht richtig und selber diskriminierend, da geht es um ganz was anderes, nämlich um Macht für eine bestimmte Gruppe. Ihr wollt allen einen Maulkorb verpassen die nicht in euer System passen. Und kurioserweise sind es eure Anhänger die laut Schreien „TOLERANZ“, aber wehe es ist jemand anderer Meinung, als der euren dann bemerkt man von Toleranz überhaupt nichts mehr!

  2. Sandra Vacca sagt:

    Lieber Martin,

    Ähnliche Aussagen hören wir öfter – danke dass Du deine Meinung hier mit uns teilst! Wir freuen uns immer über konstruktive Diskussionen.

    Es handelt sich hier um unbewusste Mechanismen wie sie im Video ganz gut zum Ausdruck kommen. Es geht mir und uns natürlich nicht um Sprachdiktatur – das sind aber harte Worte! -, sondern um zu erklären, wie solche Fragen empfunden werden.

    Zum Thema „Macht“: Für mich geht es um Gleichbehandlung, nicht um die Dominanz einer Gruppe über eine andere.

    Als Ergänzung zu meinem Artikel empfehle ich Dir gerne das folgende Interview, das meine Sicht gut widerspiegelt und schöne Beispiele bietet:

    http://www.sueddeutsche.de/leben/wo-kommst-du-her-nachbohren-geht-in-richtung-rassismus-1.2217486

    Vielleicht ein letztes Wort zum Thema „Toleranz“ – das Wort benutze ich selber nicht. Es bedeutet nichts anderes als „Dulden“, und Dulden ist nicht genug. Ich bevorzüge das Wort „Akzeptanz“. Vielleicht schreibe ich bald einen Artikel dazu!

    Mit den besten Grüßen,
    Sandra

    • Martin sagt:

      Liebe Sandra,

      danke für die schnelle Antwort. Ich habe mir auch den Beitrag von der SZ angesehen. Dort wird unter anderem behauptet das die Frage „Wo kommst Du her?“ gleichbedeutend ist mit „Wann gehst Du(hoffentlich) wieder?“ Ich finde diese Bemerkung des Herrn Ergün-Hamaz für eine bodenlose Frechheit. Zum Thema Akzeptanz, diese muss von beiden Seiten kommen. Nicht nur von einer Seite. Denn jeder Mensch egal welcher Hautfarbe,Religion usw. kann ein guter Mensch oder auch ein schlechter Mensch sein. Damit meine ich das jeder seinen gegenüber auch kritisieren darf, ohne das gleich geschrien wird „RASSIST“!

      Mit freundlichen Grüßen
      Martin

      • Sandra Vacca sagt:

        Lieber Martin,

        danke ebenfalls für deine schnelle Reaktion. Im Beitrag der SZ geht es, wie im Titel steht, um das „Nachbohren“. Herr Ergün-Hamaz formuliert es sogar sehr treffend, wie ich finde. Zu der Frage „Ist die Frage denn immer rassistisch?“, antwortet er: „Nein, pauschal würde ich das nicht sagen. Das kommt sehr auf den Kontext und auf den Unterton an […] Etwas anderes ist es, wenn eine weiße Person eine nichtweiße Person fragt ‚Wo kommst du her?‘ und dann mit der Antwort, dass ich aus Deutschland komme, nicht zufrieden ist. Wenn dann noch einmal nachgebohrt wird, weil es ja nicht sein kann, dass jemand mit so einem Aussehen und so einem Namen aus Deutschland kommt, dann geht es in Richtung Rassismus.“

        Zur Frage der Akzeptanz: ja, sie muss natürlich von allen – und nicht „beiden“ – Seiten kommen. Akzeptanz und Teilhabe sollten selbstverständlich allen Menschen in einer Gesellschaft, vom Geflüchteten bis zur Bundeskanzlerin gleichermaßen zukommen.

        Dein letztes Argument finde ich allerdings bemerkenswert: es geht plötzlich um „seinen gegenüber kritisieren“ – nicht mehr um das ursprüngliche Problem, nämlich nach der Herkunft ständig gefragt zu werden. Selbstverständlich dürfen in einer demokratischen Gesellschaft Menschen für ihr individuelles Verhalten kritisiert werden. Rassistisch ist diese Kritik dann, wenn sie sich nicht an dem individuellen Verhalten einer Person festmacht, sondern ihrem Äußeren, ihrer Nationalität oder anderen Merkmalen, die nicht in ihrem individuellen Ermessen liegen. Diskriminierend ist es darüber hinaus auch, wenn Individuen für Handlungen anderer Individuen verantwortlich gemacht werden, die angeblich der gleichen Gruppe angehören. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Muslime oder Christen für Handlungen anderer Muslime oder Christen verantwortlich gemacht werden.

        Auf alle Fälle freue ich mich, über diese Themen mit dir und unserer Leserschaft diskutieren zu können.
        Mit freundlichen Grüßen
        Sandra

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